Follow by Email

Mittwoch, 21. Oktober 2015

Was wäre, wenn Israel verschwindet?



Das Resümee von Mudar Zahran, jordanisch-palästinensischer Politiker: Ohne Israel würden auch die Palästinenser verschwinden.
Mudar Zahran, jordanisch-palästinensischer Politiker und Generalsekretär der jordanischen Oppositionskoalition im britischen Exil sowie Schriftsteller macht sich darüber Gedanken, was passieren würde, wenn Israel tatsächlich „verschwinden“ würde.
Sein Resümee: Ohne Israel würden auch die Palästinenser verschwinden.
 

„Seit 1948 haben wir Araber gelernt, dass wir alles tun müssen, um den jüdischen Staat loszuwerden, und alles andere wird danach gut werden. Unsere Diktatoren machten vollen Gebrauch von dieser Idee. Der ägyptische Präsident Gamal Abdel Nasser sperrte alle ein und hing alle Oppositionsmitglieder auf.
 
Seine berühmte Ausrede war: “Keine Stimmen sind erlaubt, außer diejenigen, die für den Krieg mit Israel aufrufen.” Der irakische Präsident Saddam Hussein ließ neben seiner eigenen Flagge die palästinensische Fahne aushängen, und sagte selbst: “Palästina und der Irak haben die gleiche Identität. “Kurz gesagt, wir Araber haben 70 Jahre unserer Existenz aufs Eis gelegt mit der Erwartung auf diesen “herrlichen Tag”, wenn wir Israel besiegen und “die Fische mit Juden füttern” werden.
 
Aber dieser Tag ist nicht gekommen, scheint auch nicht zu kommen. Der jordanische Oppositionelle Emad Tarifi sagte mir einmal: “Es scheint, als würden die Fische im Meer nicht auf uns wetten, um mit Juden gefüttert zu werden”.
 
Es ist Zeit an die Zukunft denken
 
Darüber hinaus haben wir Araber unseren Diktatoren eine carte blanche gegeben, uns alle zu verarmen, zu terrorisieren, zu unterdrücken und zu zerstören im Namen des “großen arabischen Kampfes um das zionistische Gebilde zu beenden.” Das Ergebnis davon war klar: Während Israel allein in den letzten zwei Jahren 10 neue Durchbrüche in Krebs und Herz-Behandlungen erreichte, entwickelten wir Araber nur neue Hinrichtungsmethoden. Die neueste ist der Tod durch Ertrinken in einem Käfig, wie es in einem ISIS Video gezeigt wurde.
 
Wir Araber haben sieben Jahrzehnte unserer Existenz mit der Erwartung auf Israels Untergang verschwendet. Es ist Zeit an die Zukunft denken.
 
Als Sohn von zwei palästinensisch-jordanischen Flüchtlingen, finde ich mich geneigt, mich um die Zukunft zu fürchten. Unabhängig von meiner Haltung gegenüber Israel, gebe ich zu bedenken: Was wäre, wenn eines Tages Israel wirklich verschwände? Zwar scheint es nicht möglich, aber an diesem Tag wird sich das gesamte arabisch politische, soziale und wirtschaftliche System verdrehen.
 
Westliche Antisemiten
 
Es sind nicht nur die Araber, die Israel gerne verschwinden sehen wollen. Es gibt auch andere, die das gleiche wollen, zum Beispiel die Antisemiten im Westen. Erst letzte Woche marschierten Neonazis in London mit Hakenkreuzen und der palästinensischen Flagge zusammen. Der Veranstalter des Marsches behauptete, es wäre ein Protest “derjenigen die wegen Israel leiden mussten.” Es gibt Gruppen, die zum Boykott von Israels aufrufen, ”im Interesse des palästinensischen Volkes“. Es gibt Länder, deren gesamte Außenpolitik sich nur um den Widerstand gegen Israel zu drehen scheint.
 
Wir Palästinenser haben vielleicht geglaubt, dass diese Gruppen und Länder tatsächlich sich um uns kümmern, aber sie haben kein Interesse an dem Schicksal der 150.000 Palästinenser gezeigt, die zu Tode in Syriens Yarmouk Flüchtlingslager verhungern, noch an die 5,8 Millionen Palästinenser in Jordanien, die als Bürger zweiter Klasse leben und denen staatliche Arbeitsplätze verboten sind oder jede andere Form von staatlichen Leistungen, wobei sie trotzdem alle Steuern zahlen müssen.
 
Was würde passieren, wenn Israel verschwinden würde?
 
Wenn diese Israelhasser ihren Wunsch, Israel verschwinden sehen, erreichen würden, was würde dann passieren?
 
Erstens, Israel ist der einzige Grund weshalb der Iran noch keine Atomwaffen besitzt. Der Iran könnte die Technologie kaufen, um sie dann zu produzieren oder könnte es dann schneller lernen, so wie Pakistan es tat. Warum geht das alles beim Iran langsamer? Weil sie eine Lektion aus den Erfahrungen von Saddams Osirak-Reaktor gelernt haben, welche 1981 von israelischen Jets in Schutt und Asche gelegt wurden.
 
Damals waren alle, auch George W. Bush, Vizepräsident der Vereinigten Staaten zu dieser Zeit, sehr wütend auf Israels Handeln. Aber 10 Jahre später, als die USA für die Befreiung Kuwaits kämpfte, wäre die Situation völlig anders gewesen, wenn Saddam sein Atomprogramm noch besitzen würde - und der einzige Grund dafür, das er sie nicht mehr hat ist Israel.
 
Ferner, der Iran steuert bereits mindestens ein Drittel des Iraks samt seiner Ressourcen durch sein pro-iranisches Regime. Wenn Israel verschwinden würde, würde der Iran seinen Einfluss in Jordanien, Kuwait und Bahrain schon am nächsten Tag ausstrecken, weil sie dann keine israelische Reaktionen zu befürchten hätten. Der Iran könnte dann die Welt auf die Knie zwingen, um Öl zu bekommen.
 
Der Iran ist nicht die einzige böse Macht im Nahen Osten: Wir haben auch den Islamischen Staat, der sich jetzt in Irak, Syrien, Sinai und in Libyen ausgebreitet hat, mit klaren Ambitionen weiter nach Jordanien zu gelangen. Der Islamische Staat hat Jordanien noch nicht betreten, nicht weil sie Angst vor der jordanischen Armee haben. Denn die Firepower Webseite schätzen Jordaniens und die irakische Armeestärke, welche von ihnen mehrmals schon geschlagen wurden, gleich ein. Der Islamische Staat wagt es nicht nach Jordanien rein nur aus einem Grund - Angst, dass die israelischen Jets innerhalb 15 Minuten kommen werden.
 
Palästinenser würden in einer arabischen Diktatur enden
 
Wenn Israel verschwindet und mit einem palästinensischen Staat ersetzt wird, würden die Palästinenser wahrscheinlich am Ende mit einem anderen arabischen Diktatur enden, der sie unterdrücken und zu Armut bringen wird. Wir haben das teilweise schon bei der Palästinensischen Autonomiebehörde gesehen, seitdem sie über die “befreiten” Gebieten regiert. Ich besuche regelmäßig die Westbank und hab Dutzende Palästinenser dort interviewt. Ich kann bestätigen, dass, so sehr sie auch Israel hassen, sie geben offen zu, dass sie die Tage vermissen, als Israel in der Westbank herrschte. Wie ein Palästinenser mir sagte: “Wir beteten zu Gott uns Gnade zu geben und uns von Israel zu befreien, später fanden wir heraus, dass Gott uns Gnade gegeben hatte, als Israel hier war.”
 
Zu allen Arabern, Muslime, Europäer und andere die sich wünschen Israel vom Gesicht des Planeten zu löschen, sage ich: Wettet nicht darauf, denn Israel wird von Tag zu Tag durch seine Demokratie und Innovationen immer stärker, während die arabischen Länder durch ihre Diktatur und ihren Chaos ständig schwächer werden. Und seien Sie vorsichtig, was Sie wünschen, denn wenn Sie es dann bekommen, werden auch Sie wahrscheinlich verschwinden, es sei denn, Sie sehnen sich danach, von dem Iran oder dem Islamischer Staat regiert zu werden.
 
Kurz gesagt, wenn der Tag käme, wo Israel fällt, dann werden Jordanien, Ägypten und viele andere auch fallen, auch der Westen, denn er wird beim Iran für Öl betteln müssen. Wir können Israel so viel wie wir wollen hassen, aber wir müssen zugeben, dass ohne Israel, auch wir verschwinden werden”.



 Mudar Zahran  

Samstag, 25. Juli 2015

Al-Ajjam





Taha Hussain (1889-1973) gilt als geistiger Vater der modernen ägyptischen Literatur und als großer Aufklärer. Da Taha Hussain die Kunst des schlichten Erzählens, dem er als blinder Knabe so oft gelauscht hat, mit der anspruchsvollen Ausdrucksweise der klassischen Sprache verband, schuf er mit »Al-Ajjam« ein autobiographisches Meisterwerk, einen Klassiker der arabischen Literatur.
Als zentrales Thema seiner Arbeiten behandelte er den Austausch der Kulturen, Religionen und Völkern. Nagib Mahfuz schätzte Taha Hussain so sehr, dass er sagte, dieser habe den Nobelpreis vor ihm verdient. Und in der Tat war Taha Hussain 1949 und 1950 für den Nobelpreis nominiert – als erster arabischer Schriftsteller überhaupt!








Kindheitstage

Die »Kindheitstage« bilden den Auftakt der autobiographischen Romantrilogie des Schriftstellers und umfasst die ersten Jahre seines Lebens bis zum Abschluss seiner Schulzeit.
Als Folge einer schlechten medizinischen Behandlung wird er in frühester Kindheit blind und wächst in einem oberägyptischen Dorf als Sohn einer kinderreichen Familie auf. Hussain beschreibt seine Umwelt und die Sorgen und Nöte der Familie mit der besonderen Wahrnehmungsfähigkeit eines Blinden in sehr poetischer Sprache. 






Jugendjahre

In »Jugendjahre in Kairo« treffen wir Taha Hussain als armen Studenten der islamischen Azhar-Universität wieder. Als blinder 13-jähriger Junge kommt er aus seinem Dorf nach Kairo, wo er eine Ausbildung an der dortigen al-Azhar-Universität beginnt. Er schildert den Unterrichtsbetrieb an dieser altehrwürdigen Institution, an der besonders die traditionellen islamischen Fächer unterrichtet werden und beschreibt auch die Auseinandersetzungen, die sich zu jener Zeit zwischen der traditionalistischen Gelehrsamkeit und dem besonders vom Reformer Muhammad Abduh ausgehenden rationalistischen Einfluss abspielten. Bald drängt er über die Grenzen der religiösen Universität hinaus und beschliesst, sein Studium gleichzeitig an der neuen Ägyptischen Universität von Kairo fortzusetzen.







Weltbürger 
In »Weltbürger zwischen Kairo und Paris«, dem dritten Band von Taha Hussains berühmtem autobiographischen Roman, wird der Protagonist erwachsen: Wie aufregend und anders ist das Leben als Student an der neugegründeten Ägyptischen Universität, doch wie exotisch ist erst sein Studienaufenthalt in Paris.

Der Erste Weltkrieg und die ägyptische Revolution von 1919 wecken schließlich sein Interesse an der Politik, in die er sich von nun an massiv einmischt. Das Leben findet nun in Salons und Debattierclubs statt, es kommt zu Begegnungen mit Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, gleichzeitig wachsen viele Freundschaften.
All dies geschieht vor dem Hintergrund des weiterhin engen Kontakts zur weitverzweigten Familie und der Liebe zu Susanne, die seine Frau wird und die es ihm ermöglicht, am Leben der Sehenden teilzunehmen.



»Wer Taha Hussains Lebensrückblick gelesen hat, der hat eine große Menge üder die Geschichte, das Denken und Fühlen in Ägypten bzw. im Vorderen Orient gelernt – ganz abgesehen davon, dass sich die Übersetzung gut und spannend liest.«
(Ulrich Müller, Salzburger Volksblatt, 1.3.1991)

»Das Gegeneinander zwischen Alt und Neu manifestiert sich in dieser Darstellung in vielen Gegensatzpaaren, zum Beispiel zwischen der traditionsreichen Azhar und der "neumodischen" Universität von Kairo. Er fasst damit das geistige Dilemma einer großen Anzahl ägyptischer Intellektueller im zwanzigsten Jahrhundert zusammen.« 
(Hartmut Fähndrich, Neue Zürcher Zeitung, 24.9.1986)
»Taha Hussains Autobiographie ist eine Darstellung von seltener Unmittelbarkeit und Feingefühligkeit – bei allen ironischen Distanzen, mit der er der Umgebung seiner Herkunft gegenübersteht.« (Hartmut Fähndrich, Neue Zürcher Zeitung, 8.7.1985)

»Kulturelle Unterschiede zwischen Orient und Okzident verwechselt er nie mit erfundenen Gegensätzen, beide Kulturen betrachtet er vielmehr als Schöpfer ewiger Werte und einer Zivilisation, in deren harmmonischen Miteinander die Chance zu einer wahren Erneuerung liegen. «
(Jaques Naoum, Die Zeit, 8.5.1987)


»Ein Prosawerk, das Kenner moderner orientalischer Literatur für eines der besten halten, das in arabischer Sprache überhaupt geschrieben wurde.«
(Petra Kappert, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 3.12.1985)

Freitag, 15. Mai 2015

Sadakat Kadri: Himmel auf Erden


Was ist Gerechtigkeit?

Sadakat Kadris fulminant geschriebenes Buch über die Scharia, das in England ein großer Erfolg war und sogar vom Londoner Bürgermeister Boris Johnson empfohlen wurde, gibt einen umfassenden Überblick über Geschichte, Gegenwart und Problematik des islamischen Rechtsverständnisses.
Von Stefan Weidner



Ohne etwas zu beschönigen, räumt der aus Indien stammende britische Jurist Sadakat Kadri mit dem im Westen verbreiteten Missverständnis auf, Scharia bedeute nichts anderes als die Einführung brutaler, vormoderner Körperstrafen.

Ursprünglich heißt Scharia nichts anderes als "Weg zur Quelle", übertragen dann "Weg zum guten (muslimischen) Leben". Dabei ist wichtig zu wissen, dass die Scharia ein Konzept ist, kein klar definierter Korpus von Rechtsvorschriften, der losgelöst von einzelnen Rechtsschulen oder individuellen Auslegungen (wie etwa durch Salafisten) existiert. Sinngemäß wäre die beste Übersetzung: "religiös sanktionierte Gerechtigkeit".

Auch war die Scharia nicht gleich mit dem Entstehen des Islams in der ersten Hälfte des 7. Jahrhunderts in der Welt, sondern hat sich erst in den folgenden beiden Jahrhunderten herausgebildet und ist bis heute zahlreichen Veränderungen unterworfen. Der Koran selbst reicht als Grundlage bei weitem nicht aus. Im Laufe der Zeit traten daher Berichte über Taten und Aussagen des Propheten als Rechtsgrundlage hinzu, die sogenannte Hadith-Literatur.

Kein Spielraum für Interpretationen: Ibn Taimiyya
Charakteristisch sind auch die vier Rechtschulen, die sich jeweils auf ihre Gründerväter und verschiedene, teils lokale fundierte Traditionslinien berufen. Jenseits dieser Rechtsschulen positionieren sich die Salafisten, die unter Umgehung der historischen Gewordenheit der Scharia einen unmittelbaren Zugang zur islamischen Frühzeit behaupten. Sie gehen davon aus, dass man alles Überlieferte wörtlich nehmen kann und dass es keinen Spielraum für Interpretationen gebe. Der Vordenker dieser Strömung war Ibn Taimiyya (1263-1328).
Dieser salafistische Rechtsfundamentalismus ist jedoch erst in jüngerer Zeit populär geworden. Er prägt zwar den heutigen Diskurs über den Islam, bestimmt die tatsächliche Rechtspraxis und Politik jedoch nur in Ausnahmefällen. Selbst in Ländern, in denen offiziell die Scharia gilt, wird, so berichtet Kadri, oft versucht, die härtesten Strafen (sogenannte Hadd-Strafen) zu vermeiden.

Um einer wieder schwanger gewordenen Witwe den Vorwurf eines unehelichen Geschlechtsverkehrs und damit die Steinigung zu ersparen, wurden zum Beispiel in Nigeria eine Rechtsfiktion erfunden: Es könnte ja sein, dass eine Schwangerschaft in Wahrheit mehrere Jahre dauert, so dass die Frau noch von ihrem vor Jahren verstorbenen Ehemann schwanger geworden sein könnte.

Dies geschieht nicht zuletzt aufgrund der Überzeugung, dass die Herstellung der absoluten Gerechtigkeit nicht Menschensache ist, sondern nur von Gott selbst bewerkstelligt werden kann – zumal selbst scheinbar festgelegte Vorschriften auslegungsbedürftig sind.
Wenn zum Beispiel die Scharia in Gestalt einer Vorschrift aus dem Koran sagt, einem Dieb müsse die Hand abgehakt werden, so muss zunächst einmal Diebstahl definiert werden – gehört etwa Steuerbetrug auch dazu? Da, wie dieses Beispiel zeigt, absolute Gerechtigkeit kaum je herstellbar ist, erscheint es oft besser, die ebenfalls im Koran gebotene Barmherzigkeit walten zu lassen, und genau das war in der Geschichte die vorherrschende Praxis.


Rechtsfiktionen kategorisch ablehnen
Zu Recht stellt Kadri allerdings auch fest, dass es heutzutage nicht ausreicht, barbarische Strafen einfach weg zu interpretieren oder mit Rechtsfiktionen auszuhebeln: Die Muslime sollten sich dazu durchringen, sie grundsätzlich abzulehnen. Kadris Unterscheidung zwischen himmlischer und irdischer Gerechtigkeit bietet dafür eine gute Argumentationsgrundlage.

Wenn sich, wie Kadri eine Statistik aus Großbritannien zitiert, fast 50 Prozent der Muslime positiv zur Scharia äußern, heißt dies daher nicht, dass sie alle Fundamentalisten sind. Was sie unter Scharia verstehen, dürfte jeweils höchst unterschiedlich sein, so unterschiedlich wie die verwirrende Vielfalt islamischer Rechtsmeinungen, die durch Internetforen und Online-Fatwas offensichtlich geworden ist.

So kann sich ein indonesischer Einwanderer in Kanada bei einer in Indonesien von seinem Scheich ausgestellten Online-Fatwa Rat holen, sein nicht minder muslimischer syrischer Nachbar dagegen bei einem Scheich irgendwo in der arabischen Welt – dass die Antwort unterschiedlich ausfällt, wird nicht überraschen.

Scharia, so könnte man die Schlussfolgerung des Autors auch deuten, bedeutet für die meisten gläubigen Muslime oft nichts anderes als Gerechtigkeit – aber was im einzelnen darunter verstanden wird, ist naturgemäß sehr verschieden.

Die Darstellung profitiert von den persönlichen Begegnungen des Autors und seinem lebendigen Stil. Das Buch hat wohlgemerkt keinen akademischen Anspruch, ist aufgrund der Ausgewogenheit des Urteils und seiner guten Lesbarkeit jedoch das zur Zeit empfehlenswerteste Buch über die Scharia und zeigt so nebenbei der deutschen Islamwissenschaft, dass sie immer noch Berührungsängste mit einer Öffentlichkeit hat, in der ein großes Interesse an einer unvoreingenommenen und zugleich nicht wissenschaftlich-spießigen Darstellung des Islams besteht.


Quelle:

Stefan Weidner
Qantara
Wikipedia
Amazon; Stefan Weidner
Perlentaucher; Stefan Weidner
Sadakat Kadri : "Himmel auf Erden", Matthes und Seitz Verlag 2014, Übersetzt von Ilse Utz, 384 Seiten


Donnerstag, 5. Februar 2015

Ibn Rushd : Fasl al-maqal






Maßgebliche Abhandlung: Fasl al-maqal

Gebundene Ausgabe – von Frank Griffel (Herausgeber, Übersetzer), Ibn Rushd (Autor)

Frank Griffel, seit 2008 ordentlicher Professor für Islamwissenschaften am Department of Religious Studies der Yale University, New Haven. Forschungsschwerpunkte: islamische Theologie und arabische Philosophie. Letzte Veröffentlichung: Al-Ghazali’s Philosophical Theology (New York 2009)


Der arabische Philosoph, Richter und Arzt Ibn Rushd (lateinisch Averroes, 1126-1198) aus al-Andalus verfaßte eine Vielzahl von philosophischen Schriften, vor allem Kommentare zu den Werken des Aristoteles, durch deren lateinische Übersetzungen er ab der Mitte des 13. Jahrhunderts auch in Europa zu der Aristoteles-Autorität schlechthin wurde.
Die Kirche sah sich daraufhin  im 13. Jahrhundert gezwungen, die sogenannten „Averroisten“, die Ibn Rushds Aristoteleskommentar rezipierten, zu verurteilen, weil ihrer Meinung nach die Lehren Aristoteles' kirchlichen Dogmen widersprachen.
In seiner Maßgeblichen Abhandlung (Fasl al-maqal) streitet Ibn Rushd für eine Vereinbarkeit von Philosophie und Offenbarung, argumentiert aber, daß die philosophische Wahrheit nur von einer geistigen Elite verstanden werden könne, während die Offenbarung auch für die Masse der Menschen bestimmt sei.
Der einfache Gläubige wird durch die Offenbarung zu tugendhaftem Handeln angeregt, der Philosoph aber gelangt mittels apodiktischer Beweise zu wahrhaftigem Wissen über Gott.
Ibn Rushds Maßgebliche Abhandlung, eine Antwort in der Form eines Rechtsgutachtens (fatwa) auf al-Ghazalis Polemik gegen die Philosophen, wird seit dem Ende des 19. Jahrhunderts in der arabischen Welt sowohl von islamistischen als auch von säkularistischen Kreisen stark rezipiert, da man glaubt, mit ihr eine Reform der arabischen Welt sowohl mit dem Islam als auch gegen ihn begründen zu können.
Frank Griffels Übersetzung berücksichtigt die Varianten der erhaltenen Handschriften. In seinem ausführlichen Kommentar erklärt er den Text aus seiner Zeit, zeigt die Bezüge zu den Philosophiedebatten des 12. Jahrhundert auf und skizziert die neuzeitliche Text- und Rezeptionsgeschichte.

Ibn Rushd, unter dem lateinischen Namen Averroes bekannt als die Aristoteles-Autorität des Mittelalters, zeigt in seiner Maßgeblichen Abhandlung – Fasl al-maqal, daß Religionsgesetz und rationalistische Philosophie keineswegs unvereinbar sein müssen.







Freitag, 16. Januar 2015

Sammlung der Hadithe von Al-Buhari






Die Sammlung der Hadithe
Broschiert – von Dieter Ferchl (Herausgeber, Übersetzer), Al-Buhari (Autor)

Hadithe sind die "Sprüche und Taten des Propheten", die als Vorbild dienen und nahezu Gesetzescharakter haben. Die Scharia stützt sich denn auch in erster Linie auf die Hadithe und nicht auf den Koran. Es gibt sechs kanonisierte Sammlungen, und dies ist die wichtigste davon.

Besonders für Nichtmuslime, die sich neben dem Koran weiter mit den islamischen Glaubensgrundlagen beschäftigen möchten, bietet dieses Buch einen guten Einstieg.

Im Hadith bildete sich die zweitwichtigste Grundlage der Lebensordnung der Muslime, wie sich auch das menschliche Leben in seiner ganzen Breite und Vielschichtigkeit, in der Moschee und auf dem Bazar, auf dem Feld und in der Wüste, im Wohn- und Schlafzimmer, vor Gericht und in der Freizeit spiegelt. Zudem bereichern wissenschaftliche Erkenntnisse, Erinnerungen, Anekdoten und arabische Spruchweisheiten al-Buharis hochberühmte Hadithsammlung.

Sahīh al-Buchārī ist der geläufige Name einer Sammlung von Hadithen, die auf den transoxanischen Gelehrten Muḥammad ibn Ismāʿīl al-Buchārī (gest. 870) zurückgeht. Der korrekte Werktitel ist al-Dschāmiʿ as-sahīh ‚"Das umfassende Gesunde"‘. 

Das Werk steht an erster Stelle der kanonischen sechs Hadith-Sammlungen und genießt bis heute im sunnitischen Islam höchste Wertschätzung. Hinsichtlich seiner Autorität und Heiligkeit steht es hier direkt hinter dem Koran.

Al-Buchārī soll an seinem Ṣaḥīḥ sechzehn Jahre gearbeitet haben. Angeblich suchte er aus 600.000 Hadithen rund 2.800 – ohne Wiederholungen im Werk – nach den strengsten Kriterien der Traditionskritik aus, um sie als „Sahīh“ in seine Sammlung aufzunehmen.

Während das Buch bei Bucharis Zeitgenossen kein besonderes Ansehen unter den Hadith-Sammlungen genoss, wurde bald darauf im islamischen Osten sein überragender Rang anerkannt, und im 10. Jahrhundert wurde es zusammen mit dem gleichnamigen Werk von Muslim ibn al-Haddschadsch an die Spitze der sunnitischen Überlieferungen gestellt. Die Hadith-Sammlung verbreitete sich durch die von den unmittelbaren Schülern al-Buchārīs hergestellten Abschriften rasch. 







Kommentare

Al-Buchārīs Ṣaḥīḥ ist sehr häufig kommentiert worden. Zu den bekanntesten Kommentaren gehören:Iʿlām as-sunan fī šarḥ Ṣaḥīḥ al-Buḫārī von Abū Sulaimān al-Chattābī (gest. 998)al-Kawākib ad-darārī fī šarḥ Ṣaḥīḥ al-Buḫārī von Muḥammad Ibn-Yūsuf al-Kirmānī (gest. 1384)Fatḥ al-bārī bi-scharḥ Ṣaḥīḥ al-Buḫārī von Ibn Hadschar al-ʿAsqalānī (gest. 1449)ʿUmdat al-qāri šarḥ Ṣaḥīḥ al-Buḫārī von Badr ad-Dīn Maḥmūd Ibn Aḥmad al-ʿAinī (gest. 1451)Iršād as-sārī ilā šarḥ Ṣaḥīḥ al-Buḫārī von Aḥmad Ibn Muḥammad al-Qasṭallānī (gest. 1517)


Studien

Johann Fück: Beiträge zur Überlieferungsgeschichte von Buḫārī's Traditionssammlung. In: Zeitschrift der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft 92 (1938) 60–87.Ignaz Goldziher: Muhammedanische Studien. Bd. II, Halle 1890, S. 234ff, ISBN 3-487-12606-0.Rüdiger Lohlker: Der Ṣaḥīḥ von al-Buḫārī in Maghreb. Einige Bemerkungen zur Bedeutung der iǧāzāt. In: C. Gilliot und T. Nagel (Hrsg):Das Prophetenḥadīṯ. Dimensionen einer islamischen Literaturgattung. Nachrichten der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen. I.Philologisch-historische Klasse. Jahrgang 2005. S. 1-63. Göttingen 2005Alphonse Mingana: An Important Manuscript of the Traditions of Bukhāri. With nine facsimile reproductions. Cambridge 1936.Vardit Tokatly: "The Aʿlam al-ḥadīth of al-Khaṭṭābī: A Commentary on al-Bukhārī’s Ṣaḥīḥ or a Polemical Treatise?" in Studia Islamica 92 (2001) 53-91.




Dienstag, 13. Januar 2015

Im Garten Isfahan





Im Garten Isfahan
Islamische Architektur vom 16. bis 18. Jahrhundert (Englisch)
Gebundene Ausgabe – von Werner Blaser  (Autor)

Mit der Eroberung durch die persische Fürstendynastie der Safawiden im Jahr 1502 begann die Blütezeit der heute iranischen Stadt Isfahan. 

Mit ihr entstand eine ganz eigene Architektur, die nach wie vor erhalten ist. Sie ist vor allem geprägt durch zweistöckige Backsteinbauten in massiver Bauweise, aufgelöst in Bogennischen. Diese fungieren im Erdgeschoss als Eingang, im Obergeschoss als Terrassen. 

Beispielhafte Bauten wie die Medresse Sultan (islamische Hochschule) und die sich daran anschließende Abassi Karawanserei (heute als Hotel genutzt) zeichnen sich bis auf ihre Stalaktitenverzierung durch schnörkellose Eleganz aus. Im Garten Isfahan präsentiert Meisterwerke persischer Architektur und Gartenbaukunst des 16. bis 18. Jahrhunderts. Die eindrücklichen Fotos von Werner Blaser zeigen paradiesische Gartenlandschaften und faszinierende Bauten in Isfahan – der Stadt, deren Name nicht zu Unrecht mit «Perle des Ostens» übersetzt wird.












Isfahan, alternative Schreibung: Esfahan) ist die Provinzhauptstadt der gleichnamigen Provinz Esfahan im Iran mit etwa 1.755.000, inklusive des Umlands 2.071.000 Einwohnern (Stand: 2007).

Die Stadt liegt im Zentraliran, rund 400 Kilometer südlich der Hauptstadt Teheran auf einer Seehöhe von 1500 Metern in einer Flussoase im fruchtbaren Tal des Flusses Zayandeh Rud am Rande des Zagrosgebirges.

Im Süden und Westen der Stadt erheben sich die Bachtiari-Berge, und im Norden und Osten erstreckt sich die iranische Hochebene, die in die großen Wüsten übergeht.
Esfahan nesf-e dschahan – Isfahan ist die Hälfte der Welt, sagt ein persisches Sprichwort.
Seine Glanzzeit erlebte Isfahan unter der Dynastie der Safawiden, die Isfahan 1598 zu ihrer Hauptstadt machten und durch zahlreiche Prachtbauten und Gartenanlagen verschönten.
Die Safawiden waren eine aus Ardebil stammende Fürstendynastie in Persien, die von 1501–1722 regierte und den schiitischen Islam als Staatsreligion etablierte.





Mittwoch, 7. Januar 2015

Alfarabi - Denker zwischen Orient und Okzident






Alfarabi - Denker zwischen Orient und Okzident:
Eine Einführung in seine politische Philosophie

Broschiert – von Norbert Campagna  (Autor)
Der Philosoph Alfarabi (um 870 – 950 n. Chr.) wirkte in der Blütezeit der islamischen Philosophie im 9. und 10. Jahrhundert.

Seine politische Philosophie war bestimmt von der Frage: Soll die Philosophie oder die Religion, die natürliche Vernunft oder die übernatürliche Offenbarung leitend bei der öffentlichen Organisation des Staates und der privaten Organisation des individuellen Lebens wirken?
Der griechischen Tradition verpflichtet setzte er zum philosophischen Brückenschlag zwischen Orient und Okzident an mit nachhaltigen Wirkungen auch in der abendländischen Philosophiegeschichte.

Alfarabi scheute nicht den Gegensatz zu konservativen Tendenzen der damaligen muslimischen Theologie, wenn er in politischen Fragen den Vorrang der Philosophie vor der Religion behauptete.
Letztere bringt ihm zufolge die Wahrheit immer nur in einer partikularen Form zum Ausdruck, die dem jeweiligen Volk, an das sie sich wendet, angepasst ist. Demgegenüber stellt die Philosophie die Wahrheit in ihrer universellen Form dar. Unter anderem ist es diese These des Vorrangs des Universellen vor dem Partikularen, wobei Letzteres nicht einfach ignoriert wird, die Alfarabi auch für die heutige Epoche interessant und wichtig macht.





Er beschäftigte sich mit Logik, Ethik, Politik, Mathematik, Philosophie und Musik. Er kannte unter anderen philosophische Werke vonAristoteles (nebst einigen wichtigen Kommentaren) und Platon, die ihm bereits in persischer oder arabischer Übersetzung vorlagen, und trieb auch die Übersetzung weiterer Texte voran.
Er war der Ansicht, dass die Philosophie nunmehr in der islamischen Welt ihre neue Heimat gefunden habe. Philosophische Wahrheiten hielt er für universell gültig und betrachtete die Philosophen als Propheten, die zu ihren Erkenntnissen mittels göttlicher Inspiration (arab. waḥy) gelangt seien.
Sein Kitāb al-Mūsīqā al-kabīr (Großes Buch der Musik) gilt als umfassendste Schrift der islamischen Musiktheorie und Musiksystematik. In seinen Schriften zur Musik verband er seine detaillierten Kenntnisse als ausübender Musiker und seine sachliche Präzision als Naturwissenschaftler mit der Logik der Philosophie.

Zu von ihm beschriebenen Musikinstrumenten gehören unter anderem das zitherähnliche Saiteninstrument šāh-rūd und die Langhalslaute ṭunbūr al-baghdādī.